6.3. Wird die Sparquote zu hoch ausgewiesen?

 

Die Sparquote der privaten Haushalte errechnet das Statistische Bundesamt als Restbetrag aus den verfügbaren Einkommen - privatem Konsum +/- Übertragungen aus dem/in das Ausland. Diese Annahme, dass nicht ausgegebene Einkommen gespart werden, ist zunächst sehr logisch. 1980 betrug die Sparquote in der BRD 13,1 %, 1990 13,7 %. 2015 wurden für Gesamtdeutschland noch 9,7 % (= 175 Mrd. €) gemessen nach 9 % (= 120 Mrd. €) im Jahr 2000 und 12,6 % (= 129 Mrd. €) in 1991. Schon vor 33 Jahren merkte der Verfasser dieses Beitrags in einer Lehrveranstaltung seines VWL-Studiums an, dass durchschnittliche private Haushalte wohl kaum 13 % ihres verfügbaren Einkommens sparen könnten. Er fragte, ob der private Konsum vielleicht unvollständig gemessen würde weil z.B. Umsätze aus Schwarzarbeit oder Rauschgifthandel nicht den Statistischen Landesämtern gemeldet würden. Der Professor antwortete, dass dann eben der Konsum des Schwarzarbeiters und nicht der Auftraggebers erfasst würde, die Lücke würde sich wieder ausgleichen.
 
Trotz dieser logischen Antwort bleibt die Frage, warum in einer extremen Niedrigzinsphase, in der private Haushalte ihre Ersparnisse eher auflösen oder sich verschulden, die Sparquote höher sein soll als in 2000 mit einem Basiszins von von 4,26 % (gegenüber - 0,83 % in 2015). Die statistisch ausgewiesene Ersparnis von 175 Mrd. € in 2015 wären bei 40,2 Mio. Haushalten 4.354 € jährlich. Wenn ein 4-Personen-Haushalt monatlich 400 € spart und diesen Betrag für den Jahresurlaub einsetzt, wurde im Ergebnis nichts gespart. Würden zusätzlich 200 € monatlich gespart, aber alle 10 Jahre ein neuer PKW für 24.000 € gekauft, würde sich diese Sparleistung auch wieder auflösen. Sparleistungen, die über die Finanzierung größerer Anschaffungen (PKW, Möbel, …) hinausgehen und deshalb nicht von der Auflösung von Ersparnissen ausgeglichen werden, können wohl nur von den 48,4 % der Haushalte geleistet werden, die über ein Haushaltsnettoeinkommen über 2.600 € verfügen.

Abb.: monatliches Haushaltsnettoeinkommen

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2013, http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61754/einkommen-privater-haushalte, Abruf 20.06.16
 
Dann müsste die jährliche Nettosparleistung (reine zeitliche Verschiebung von Ausgaben für für Urlaub und Anschaffungen übersteigend) dieser Gruppe ca. 9.000 € jährlich oder 750 € monatlich betragen. Das würden sich aber mindestens die 34,3 % der Haushalte mit einem Nettoeinkommen zwischen 2.600 und 5.000 € auch nicht leisten können. Es bleibt also die Einschätzung mit gesundem Menschenverstand, dass die vom Statisischen Bundesamt ausgewiesene Sparquote deutlich zu hoch sein dürfte.
 
Dieser Blog-Beitrag kann nur Fragen stellen und keine Antworten geben. Es wird die These aufgestellt, dass es Ausgaben der privaten Haushalte geben muss, die nicht statistisch erfasst werden, weshalb die Sparquote zu hoch ausgewiesen wird. Es kann gefragt werden, welche Erfassungsdefizite bestehen können. Die Antwort aus der Lehrveranstaltung von 1983 muss aber soweit berücksichtigt werden, dass wohl nur solche Einflüsse verzerrend sind, aus denen Ausgaben unregistriert ins Ausland fließen. Z.B. wurden bis März 2016 297 Mrd. € oder 27 % des Bargeldumlaufs in 500-Euro-Scheinen ausgegeben, die im Euro-Raum kaum im Umlauf sind. Es gibt Grund zu der Vermutung, dass sich ein großer Teil dieser Banknoten im Ausland befindet.
 
Nicht erfasst werden kann das Bargeld, das deutsche Urlauber im Ausland ausgeben. Werden sie in Fremdwährungen umgetauscht kann nur ein Rückfluss von Bargeld zur EZB registriert werden. Es kann aber nicht mehr festgestellt werden, aus welchem Euro-Land die Urlauber kamen. Zugeordnet werden können dagegen Barabhebungen an ausländischen Geldautomaten. Für ausländische Schwarzarbeiter, die das verdiente Geld in bar mitnehmen, gilt das Gleiche. Auch legal im Inland arbeitende Arbeiter werden einen Teil ihres verdienten Geldes nicht ins Ausland überweisen sondern in bar bei der Heimreise mitnehmen.
 
Auch das von Inländern ins Ausland gebrachte Schwarzgeld dürfte statitisch nicht als „Vermögenstransfers an die übrige Welt“ erfasst worden sein. Lt. Focus online vermuten Experten 250 Mrd. € nur in der Schweiz. (http://www.focus.de/finanzen/steuern/experten-streiten-ueber-schwarzgeld-verstecken-deutsche-250-milliarden-euro-in-der-schweiz_aid_825137.html) Es gibt aber noch viele andere Zielländer, z.B. in der Karibik. Die Zahl könnte sich leicht verdoppeln, Offiziell ist dieses Schwarzgeld im Inland gespart worden weil es hier nicht ausgegeben wurde.
 
Eine Erfassungslücke dürfte ebenfalls bei den Konsumausgaben für Rauschgift existieren. Sofern die Umsätze, die die EU-Kommussion für Europa auf 24 Mrd. € jährlich schätzt (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/drogenhandel-in-europa-meister-umsatz-mit-cannabis-heroin-und-kokain-a-1085568.html), nicht im Inland „gewaschen“ werden, dürften sie ins Ausland abfließen und nicht im Inland gespart werden. Als nicht erfasste Konsumausgaben wären sie aber Teil der statistischen Ersparnis.
 
Seriöse Schätzungen über die Größenordnungen des nicht erfassten Konsums und Übertragungen in das Auslannd sind kaum möglich. Man könnte nur mit Zahlenspielen feststellen, dass wenn die Zunahme der betrieblichen Altersversorgung herausgerechnet und von 7 % nicht erfasster Konsumausgaben ausgegangen würde (der statistisch erfasste Konsum wäre nur 93 %) die bereinigte Sparquote von 4,75 % in 1991 auf 0,28 % in 2015 gesunken wäre. Man kann höchstens einschätzen, dass diese Zahlen plausibel wären.
 
Vielleicht versucht die Politik derzeit, mit der Absenkung der Zinssätze bis in den Negativbereich die Sparneigung der Bürger, die es in der vermuteten Höhe wohl gar nicht gibt, zu bekämpfen. Fehlentscheidungen der Politik auf der Grundlage falscher Annahmen wären allerdings nichts Neues.