3.6. Rechnungswesen

 

 

Besonders wenn man in der Unternehmensführung der Controlling-Philosophie folgt ist das Rechnungswesen als Informationslieferant von zentraler Bedeutung. Bei einer anderen Betrachtungsweise wird es häufig als lästige Bürokratie angesehen. Es wird zwischen internem (für die Unternehmensführung) und externem (für Behörden und Kapitalgeber) Rechnungswesen unterschieden. Dabei ist zusätzlich festzustellen, dass das externe Rechnungswesen wegen der Vergleichbarkeit mit anderen Unternehmen allgemeingültigen Regelwerken folgen muss, während das interne Rechnungswesen von Unternehmen selbst geregelt werden kann. Das externe Rechnungswesen ist immer periodenorientiert, während intern sowohl Perioden als auch Objekte (Produkte oder Projekte bzw. Kunden oder Verkaufsgebieten) gesteuert werden sollen. Das interne Rechnungswesen ist an der Wertschöpfung orientiert, während im externen Rechnungswesen die Abschlüsse nach HGB und die Steuerberechnung mehr an Zahlungen der Vergangenheit oder der Zukunft orientiert sind. Danach können die folgenden 4 verschiedene Auswertungszwecke unterschieden werden, die dann auch in verschiedenen Datenbeständen gepflegt werden sollten:

 

Abb. 22: Datenbestände im Rechnungswesen

 

periodenoriertiert

objektorientiert

 

zahlungsorientiert

wertoriertiert

reglementiert

(extern)

HGB-Abschluss + Steuererklärungen

 

IFRS-Abschluss

 

nicht reglementiert

(intern)

 

Management Accounting

Kosten- und Leistungsrechnung

 

 
   

 (Quelle: W. Müller, Cost Accounting, Norderstedt 2012, S. 3)

  

Die gemeinsame Datenquelle sind die Buchhaltung (Erfassung von Beträgen) und die Statistik (Erfassung von Mengeneinheiten). Besonders im internen Rechnungswesen sind auch Mengen und nicht nur Beträge wichtig. In Konzernen müssen alle von der Muttergesellschaft beherrschten Unternehmen zu einem Konzernabschluss ztusammengeführt (konsolidiert) werden. Bei kapitalmarktorientierten Konzernmüttern müssen diese Konzernabschlüsse nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) aufgestellt werden. Dann sind die IFRS auch im internen Rechnungswesen die Corporate Finanial Language. Dagegen müssen die Steuererklärungen nationalen Regeln folgen. In Deutschland ist wegen der in § 5 EStG geregelten Maßgeblichkeit der Handels-bilanz für die Steuerbilanz auch der Abschluss nach HGB nicht zu vernachlässigen, auch wenn er bei kapitalmarktorientierten Unternehmen nur in drei Expemplaren (Handelsregister, Finanzamt, eigene Unterlagen) benötigt werden. Diese Verknüpfungen beschreibt auch folgende Grafik:

 Abb. 23: Datenfluss im Rechnungswesen

 

(Quelle: W. Müller, Cost Accounting, Norderstedt 2012, S. 4)

 

Rechnungswesenpraxis

 

Die BWL hat eine Vielzahl weicher Themen, bei denen es um z.B. Motivation und andere Fragen geht, bei denen man kaum eindeutige Aussagen machen kann. Die „harten Zahlen“ des Rechnungswesens bilden hier eher eine Ausnahme. Die Verfügbarkeit von Daten hat sich in den letzten 40 Jahren mit der EDV explosionsartig erhöht. Lehrinhalte, die sich mit dem Zusammenrechnen von Zahlenreihen befassen wollen, gehen also heute an der Realität vorbei. Trotzdem wollen viele Professoren diese Inhalte weiter lehren und die meisten Studenten begrüßen Prüfungsinhalte, die man mindestens zum Teil mit den 4 Grundrechenarten und damit dem Wissen der Grundschule lösen kann, bei denen man kaum Zusammenhänge überblicken muss und leicht auswendig lernen kann. Unter diesen Bedingungen muss die Rechnungswesenpraxis auf der Strecke bleiben.

Hinzu kommt, dass sich auch andere veraltete Inhalte manchmal hartnäckig in den Köpfen der Professoren festgesetzt haben. So wurde z.B. 1985 mit dem Bilanzrichtliniengesetz (BiRiLiG = HGB-Reform) die Positionen „außerordentliche Erträge“ und „außerordentliche Aufwendungen“ in der Gewinn- und Verlustrechnung so restriktiv definiert, dass sie in der Praxis nicht mehr vorgekommen sind. 30 Jahre später wurden sie mir dem Bilanzrichtlinien-Umsetzungsgesetz (BilRUG) auch aus der Gliederung gestrichen. Trotzdem gibt es immer noch Professoren, die Klausuraufgaben mit seit 32 Jahren nicht mehr aktuellen außerordentliche Aufwendungen stellen.

Wenn die „Generation Praktikum“ aber unter den Bedingungen der Noteninflation ohne praxisrelevante Inhalte und mit Schmusenoten die Hochschule verlässt, welcher Arbeitgeber soll einem dann einen unbefristeten Arbeitsvertrag anbieten?

 

 

Option: Rechnungswesenpraxis

 

Mit Anweisung vom 27.03.17 hat der Kanzler der umbenannten Fachhochschule Mainz verfügt, dass mein Dienstcomputer auf die Standareinstellungen zurückgesetzt wird. Das Angebot von Rechnungswesenpraxis ist so undurchführbar geworden, weil jetzt die hierfür benötigte Finanzbuchhaltungssoftware fehlt. Weiter brauche ich für die Vorstellung von Datentransfers die kostenlose Software von Open Office, die mir von der Dekanin ausdrücklich verweigert wurde.

 

Diese Sabotage meiner Lehrveranstaltungen kann ich nur als unqualifizierte Reaktion auf meine Veröffentlichungungen zur Noteninflation werten. Vielleicht will man auch verhindern, dass einige veraltete Inhalte anderer Lehrveranstaltungen erkennbar werden. Das verhinderte Konzept soll an dieser Stelle vorgestellt werden:

 

Download
Giederung.pdf
Adobe Acrobat Dokument 61.6 KB
Download
Flyer2.pdf
Adobe Acrobat Dokument 426.2 KB
Download
Modulbeschreibung Rechnungswesenpraxis_2
Adobe Acrobat Dokument 43.8 KB

 

Rechnungswesenpraxis 

Das Rechnungswesen ist eine modellhafte (auf wesentliche Inhalte reduzierte) Darstellung des Unternehmens. Die Behandlung des Rechnungswesens in den Lehrveranstaltungen ist wiederum ein Modell dieses Modells. Deshalb ist es wichtig, vor einem Berufseintritt auch einmal die Übertragung der Inhalte der Lehrveranstaltungen auf die betriebliche Realität (wieder an einem Modell) zu simulieren.

   

Der Beginn der doppelten Buchführung wird auf das Jahr 1494 datiert, als Luca Pacciola diese Methode als venetianische Buchführung in Florenz publiziert hat. Die Vermittlung von Buchhaltungskenntnissen mit T-Konten basiert im Kern auf dem Wissensstand von 1494. Diese Methode ist noch immer anwendbar, wenn man die Entstehung und Abwicklung von Geschäftsvorfällen gedanklich nachvollziehen will. Durch die Einführung der EDV hat sich aber insbesondere in den letzten 40 Jahren sehr viel verändert. Es ist das Anliegen der Veranstaltung, einen Bogen zwischen Theorie und Praxis zu spannen.

     

Vorläufige Planung

Den vom Rechnungswesen zu liefernden Informationen (nach an der Hochschule vermittelten Inhalten – A) sollen die Bedingungen der Praxis (B – anhand der Demo-Version einer Finanzbuchhaltungs-software) gegenübergestellt und mit den Studenten Ideen für die Generierung der Daten entwickelt werden.

   

Zeitbudget: 15 Termine · 180 Min. = 2.700 Minuten   /   Verteilung auf die drei Teile: 

+ Bestandsaufnahme Rechnungsw. (Hochschule)                                            = A 24 % =    648 Min. 

+ Bestandsaufnahme Rechnungswesen (Praxis)                                               = B 24 % =    648 Min. 

+ Werkzeuge kennenlernen                                                                                        = C 48 % = 1.296 Min. 

+ Organisatorisches                                                                                                              4 % =    108 Min.

   

Für die Benotung wird eine T-förmige Leistungskontrolle (breit + flach sowie eng + tief) erbracht, wobei in der Horizontalen des großen T ein fiktives Gutachten für ein fiktives Unternehmen mit Umsetzungsempfehlungen für das Rechnungswesen erstellt wird. Dieses Gutachten ist faktisch ein Bericht aus Lehrveranstaltungen. Als Vertikale wird eine Vertiefung eines Themas angefertigt, das aus der Gliederung der Veranstaltung gewählt wird.