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Der Fachbereichsrat Wirtschaft der Hochschule Mainz hat am 28. November 2018 für das Projekt

 

Rechnungswesen in Entwicklungsländern –

Erprobung der Erkenntnisse aus dem Projekt „Buchhaltung ohne Buchhalter“ an Kleinunternehmern in der Provinz Guantánamo, Kuba

 

ein Forschungssemester für Prof. Dr. Werner Müller beschlossen. Dem Antrag war folgende Beschreibung beigefügt:

 

1. Fragestellung

 

Wer nicht gut sehen kann, sollte kein Auto fahren! Wer kein Rechnungswesen hat sollte kein Unternehmen führen! Beide würden die Karre an die Wand fahren!

Nach diesem Anspruch dürfte es in Entwicklungsländern kaum Kleinunternehmen geben. Ein breiter Mittelstand ist aber ein wichtiger Faktor in der Entwicklung einer lokalen Wirtschaft, die diese Länder von den Weltmärkten unabhängiger machen könnte. Diese Lücke aus Anspruch und Wirklichkeit könnte aber mit technischen Mitteln geschlossen werden. Das beantragte Vorhaben will folgende Frage klären:

Können Kleinunternehmer in Entwicklungsländern ohne Buchhaltungskenntnisse mit technischen Hilfsmitteln und personeller Unterstützung mit den Informationen über ihr Unternehmen versorgt werden, die ihnen eine wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmensführung erlaubt?

Mit der Unterstützung eines Professors der Universität Guantánamo (Kuba) soll im Praxistest erprobt werden, ob aus den Erkenntnissen aus dem Projekt „Buchhaltung ohne Buchhalter“ aus dem Wintersemester 2014/15 die nötige Informationsversorgung mit vertretbarem Aufwand organisiert werden kann.

Als nötige Informationen werden die monatlichen Daten einer Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung und einer Kapitalflussrechnung angesehen, sowie eine einfache Kosten- und Leistungsrechnung mit Kostenartenrechnung (insb. mit der Erfassung kalkulatorischer Kosten), Kostenstellenrechnung (zur Kostenkontrolle) und Kostenträgerrechnung (für die Preis- und Produktpolitik) angesehen. Hieraus sollte es möglich sein, auch eine Planung für die Zukunft zu entwickeln.

Es wird eingeschätzt, dass die Kleinunternehmer eine betriebswirtschaftliche Hilfestellung benötigen. Hierfür könnte von einer lokalen oder regionalen Genossenschaft eine mandantenfähige ERP-Software (Enterprise Ressource Planning – siehe auch https://mueller-consulting.jimdo.com/unterstützendes/erp/) eingesetzt werden, die eine einfache Datenerfassung der Mitglieder aus einer Tabellenkalkulation einliest, sie automatisch verarbeitet und den Mitgliedern professionelle Auswertungen zur Verfügung stellt. Ein betriebswirtschaftlich ausgebildeter Mitarbeiter der Genossenschaft müsste sich die Auswertungen ansehen und die Mitglieder auf Chancen und Risiken aufmerksam machen.

Es wäre auch zu prüfen, ob diese Beratungsaufgabe mit einem vertretbaren Auswand bewältigt werden könnte.

2. Vorgehensweise


Wegen des guten Bildungssystems auf Kuba besteht die gute Chance, dass im Kontakt mit der dortigen Universität eine den dortigen Anforderungen entsprechende Anwendung entwickelt werden kann, die später auch in anderen Entwicklungsländern erfolgreich eingesetzt werden könnte.

 

2.1. Output formulieren


Es wurde bereits als Ziel formuliert, dass monatliche Daten einer Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung und einer Kapitalflussrechnung, sowie eine einfache Kosten- und Leistungsrechnung mit Kostenartenrechnung (insb. mit der Erfassung kalkulatorischer Kosten), Kostenstellenrechnung (zur Kostenkontrolle) und Kostenträgerrechnung (für die Preis- und Produktpolitik) erzeugt werden sollen. Daten der Teilkostenrechnung werden als weniger relevant eingeschätzt, weil die Kleinunternehmen mit begrenzten Kapazitäten nicht wirklich auf Mengenänderungen reagieren können bzw. sollten.

Eine Konkretisierung soll auf der Grundlage der IFRS für kleine und mittlere Unternehmen in Abstimmung mit der dortigen Universität erfolgen, wobei aber ein Großteil der Inhalte des Standards gestrichen werden sollte. Weil die zentrale Frage von Kleinunternehmern, wieviel Gewinn mit welchen Leistungen erzielt wird, von den IFRS nicht thematisiert wird, sollte diese spezielle Frage mit einer einfachen Kostenrechnung beantwortet werden.

2.2. Input formulieren


Ausgehend von dem vorgeschlagenen Output muss ermittelt werden, welche laufenden Daten die Kleinunternehmer dafür erfassen müssen, und wie diese in der Buchhaltungssoftware nebst Kostenrechnungsmodul sowie in Verkaufs-, Produktions- und Verbrauchsstatistiken verarbeitet werden müssen. Diese Daten und Anforderungen müssen für verschiedene Branchen modifiziert werden.

Nach eigenen Vorschläge zur diesem Komplex soll nach einem Feedback der dortigen Universität ein Vorschlag zur inhaltlichen Abstimmung mit den Kleinunternehmern ausgearbeitet werden.

2.3. Interviews mit Kleinunternehmern


Die Universität von Guantánamo bzw. der Lehrstuhl für Rechnungswesen und Finanzen der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften stellt einen Kontakt zu 20 privaten Kleinunternehmern aus verschiedenen Branchen her. Mit ihnen werden Interviews geführt und darin das Geschäftsmodell, der Beschaffungs- und der Absatzmarkt sowie die Art der Wertschöpfung erfragt. Das Ergebnis wird in einem Protokoll festgehalten.

In einem zweiten Teil der Interviews wären den Kleinunternehmern die konzipierten Auswertungen und die Datenerfassungstools vorzustellen, um einen Feedback zu erfragen. Dabei ist insbesondere zu klären, wie aufwendig die Datenerfassung für den Kleinunternehmer wäre. Nach diesen Rückmeldungen wären insbesondere die Datenerfassungstools zu überarbeiten.

 

2.4. Erprobung


Die Datenübertragung wird für das Forschungsprojekt offline erfolgen müssen, indem vielleicht einmal wöchentlich die Kleinunternehmer von einem Assistenten der Universität besucht und ihre Daten kopiert werden. Mittelfristig wird aber eine Datenübertragung per Internet durch Hochladen einer Datei möglich sein. „Bis zum Jahr 2020 soll mindestens jeder zweite kubanische Haushalt mit Internet versorgt sein. Kuba will sich im Rahmen seiner Digitalisierungsstrategie jedoch nicht allein auf den Ausbau des Internetzugangs beschränken, sondern auch eigene Softwaredienstleistungen aufbauen. So werden seit vergangenem Jahr chinesische Laptops nach dem Baukastenprinzip auf der Insel hergestellt, die mit der heimischen Linux-Distribution Nova ausgestattet sind.“  (https://amerika21.de/2018/03/197546/kuba-informationsgesellschaft)

Die übertragenen Daten werden zunächst in eine veraltete deutsche Finanzbuchhaltungssoftware importiert und nach der Verbuchung werden die Daten der Konten und Kostenstellen in ein für eine Tabellenkalkulation lesbares Format exportiert. Die werden in einen Datenteil einer Tabellenkalkulationsdatei eingefügt, mit der die konzipierten Auswertungen erzeugt werden.

Während des Semesters sollte ein Kontakt zum Fachbereich Informatik hergestellt werden, damit dort eine kubanische ERP-Software entwickelt werden kann, die die veraltete deutsche Software ersetzen würde.  (Nachtrag: Es hat sich ein Informatik-Professor aus Guantánamo bei mir gemeldet, der an der Erstellung einer kubanischen ERP-Software interessiert wäre, sofern der Rechnungswesen-Kollege und ich ihm die exakten Anforderungen darstellen können. Nach einer ersten schriftlichen Beschreibung meinerseits antwortete er, dass er über Kontakte zur UCI [Universidad de las Ciencias Informáticas] in Havanna verfüge und er sie mit ins Boot holen wolle. Dann wäre die erste Adresse der kubanischen Informatiker eingebunden.)

3. Auswirkungen

 

Das wichtigste Ergebnis wäre, dass man eine Kopiervorlage zur Stärkung des Mittelstandes in Entwicklungsländern erstellen würde. Damit könnte eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in potentiell allen Entwicklungsländern gestärkt und ihre Abhängigkeit von den Weltmärkten verringert werden.

 

Meine Motivation


Man kann die Unternehmensführung mit der Steuerung eines Schiffes vergleichen. Beide sind schwerfällig und reagieren nur langsam auf Kursänderungen. Beide haben keine Bremse. Fährt ein großes Schiff in den Hafen von New York, dann kann der Kapitän 15 bis 20 km vorher den Motor ausschalten. Beide sind von äußeren Einflüssen abhängig, Schiffe von Wetter und Strömung, ein Unternehmen von der Konjunktur und dem Wettbewerb. Beide müssen navigieren, also die aktuelle Position und das Ziel bestimmen und dann den Kurs berechnen. Die Schiffe haben heute GPS. Beide brauchen Informationen. Das Schiff hat Radar und bekommt Wetterdaten. Bei einem Unternehmen kommen die Informationen aus dem Rechnungswesen. Bei dem allgemeinen Computereinsatz wird überall erwartet, dass die Unternehmensführung auch so gut ist, wie der Kapitän eines Frachtschiffes heute mit Radar und GPS sein kann.
   
Im Rechnungswesen der Großunternehmen hat sich in den letzten 30 Jahren viel verändert. Vieles davon ist von den Autoren der Lehrbücher nicht zur Kenntnis genommen worden, und von vielen meiner Kollegen auch nicht. Sie beschäftigen sich in den Lehrveranstaltungen zu viel damit, Zahlen zusammenzurechnen. In den Unternehmen rechnen seit über 30 Jahren die Computer. Für die Studenten ist es natürlich bequem, ihre guten Noten in den Prüfungen mit einfachen Rechenaufgaben zu bekommen. Aber das ist ein anders Thema.
  
Auch die Kleinunternehmen haben seit über 20 Jahren Computer. Eine demokratische Betriebswirtschaftslehre, die sich an den Interessen der breiten Masse und nicht an einer kleinen Minderheit orientiert, muss viel stärker auf ihre Bedürfnisse eingehen als auf die der Großunternehmen. 90 % der Unternehmen in Deutschland haben weniger als 10 Beschäftigte. Wenn der Steuerzahler die Wissenschaft finanziert, dann müssen diese 90 % und nicht die 0,3 % Großunternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten vorrangig unterstützt werden. Man kann auch für Kleinunternehmen technische Strukturen schaffen, mit denen sie ohne teure Fachkräfte alle Informationen erzeugen können, die für eine gute Unternehmensführung nötig sind. Diese Aufgabe sollte die betriebswirtschaftliche Forschung viel stärker beachten.